Am 18. April starten wir mit einem gemütlichen, typisch spanischem Frühstück.

Die heutige Etappe wird uns erneut einiges abverlangen. Wir müssen dieses Mal auf den höchsten Punkt des Camino Frances zum Cruz de Ferro. Es ist einer der symbolträchtigsten Punkte des gesamten Jakobsweges. Über den gewaltigen Steinhaufen erhebt sich ein 5 Meter hoher Eichenstamm, der an seiner Spitze das Eisenkreuz trägt. Jeder Pilger fügt einen Stein hinzu und trägt damit zu einer tausendjährigen Pilgertradition bei. Das Ablegen eines Steines als sympolisches Zeichen für das Ablegen innerer persönlicher Lasten.

Zuvor machen wir während des 6 km langen Aufstiegs eine kleine Pause im Bergdorf Foncebadon. 

Dieser Ort hat gefühlt noch weniger Häuser als alle anderen Dörfer, durch die wir schon gekommen sind. Es mögen vielleicht 6 Häuser sein, davon eines eine Herberge und eines ein Café, der Rest ist verfallen oder kurz davor. Die Straße ist keine wirkliche Straße wie wir sie kennen.

Wir lassen unseren Pilgerausweis hier stempeln und gehen schließlich nach zwei zumo de naranja weiter. 

Als wir das Kreuz erreichen sind wir ergriffen. Schon allein der Anblick der Szenerie ist beeindruckend und die Emotionen der Menschen dort berührend.

Wer diese Reise nicht gemacht hat, wird nicht verstehen was hier an so einem profan wirkenden Steinhaufen vor sich geht – weder bei sich noch bei anderen.

Nach einer kleinen und emotionalen Pause gehen wir weiter. Es beginnt ein erneuter Abstieg.

An einem kleinen Parkplatz wo Getränke käuflich erworben werden können, machen wir erneut rast und gönnen unseren Knien vom Abstieg eine Pause. 

Ich besorge uns Getränke. Als ich an unseren Tisch zurückkehre sitzen dort zwei weitere Personen. Manu ist bereits in einem Gespräch vertieft. Die eine Person ist die Pilgerin aus der Bar in Rabanal del Camino. Ihre männliche Begleitung kennen wir noch nicht. Es werden kurz ein paar Worte gewechselt und dann macht sich der Mann auf den Weg. Wir trinken aus und wollen wenig später ebenfalls aufbrechen. Die Frau aus Bonn schließt sich uns an. 

Es stellt sich heraus, dass die Pilgerin aus Bonn sehr gern und viel redet. Ihr Monolog ist im Tenor überwiegend negativ. An sich nicht schlimm, nur war es inhaltlich etwas merkwürdig. Irgendwann platze es aus ihr heraus: „Euch kann man auch nicht überzeugen!“ Manu und ich schauen uns an und haben beide Fragezeichen im Blick. Wir entgegnen ihr nur, dass wir nicht negativ an diese von ihr berichteten Dinge herangehen würden. Ruhe… Wir gehen noch ein Stück gemeinsam. Später nimmt unsere Begleitung den „vorgeschrieben“ Pilgerweg. Manu und ich erwidern, dass wir den alternativen Weg gerade ausgesprochen gut fänden. Und so trennten sich unsere Wege unausgesprochen auf der Art, wie er zusammengeführt wurde.

Später in der Abgeschiedenheit meiner Gedanken vom restlichen Körper kam ich zur Überzeugung, dass die männliche Begleitung zur Pilgerin aus Bonn absichtlich früh aufgebrochen sein könnte und diese bei uns geparkt hat.

Wir sind im kleinen Bergdorf El Acebo de San Miguel angekommen. Der Ort ist so beschaulich, dass selbst Autos befremdlich wirken. Welch eine Atmosphäre!

Zunächst freuen wir uns, dass die heutige Etappe hinter uns liegt und begeben uns dann auf die „Suche“ nach unserer heutigen Schlafstätte. Wir haben uns gestern für das La Trucha del Arco Iris entschieden. Ein sehr familiär geführtes Gästehaus und im Preis nicht teurer als eine ortsübliche Pilgerherberge (25€ pro Person).

Der Gastgeber spricht erstaunlich gut englisch. Wir werden überaus freundlich empfangen. Unser Zimmer hat Ausblick in die Berge. Eine ebenso entspannte Sicht aus dem Fenster kann man genießen, wenn man gemütlich auf dem Töpfchen sitzt. Uns erwarten sogar Betthupferl. Ich Stürme die Dusche und bekomme zunächst mal einige Zeit gefühlt  frisches Quellwasser – zumindest ebenso kalt. 
Nachdem ich fertig bin kümmere ich mich um die Frage der Wäsche. Unser Gastgeber ermöglicht uns die Nutzung seiner Waschmaschine. Wir packen also unsere Sachen zusammen und geben sie ab – er wäscht sogar für uns. Wir bestehen lediglich darauf, dass wir sie selbst aufhängen. Derweil gehen wir essen. 

Am Anfang des Ortes (zwei Straßen weiter / 50 Meter) lassen wir uns zu einem Pilgermenü für 12 Euro hinreißen. Die Bedienung ist Italienerin und spricht ebenfalls englisch und später sogar in deutsch mit uns. 

Wir bekommen gerade unseren zweiten Gang des Menüs gebracht, da wird eine Frau am Nachbartisch auf uns aufmerksam. Sie präsentiert uns ihre halbe Geschichte mit ihrem Freund und dass er ja Probleme mit dem Knie habe, sogar seine Brücke habe sie geklebt (damit müsse er aber in Deutschland zum Zahnarzt)…Und: ihr wäre so einiges jetzt klar geworden…

Wir picken die ersten patatas fritas auf die Gabel und denken, sie würde nun gehen. Statt dessen kehrt sie mit dem Planer für Radpilger zurück und erzählt uns wo sie schon überall war. Aber sie würde ja jetzt hier auf ihren Freund warten, der ja scheinbar nicht kommen würde…

Irgendwann entscheidet sie sich dann uns doch in Ruhe essen zu lassen. Wenig später soll dann sogar ihr Freund mit dem Auto eintreffen. Als Begrüßung bekommt er zu hören, dass ihr einiges klar geworden wäre – ach was!? Die folgenden Szenen hätte auch der Prolog einer täglichen Serie sein können. Wir versuchen uns auf unser Essen zu konzentrieren und genießen den dazu gehörigen Rotwein. Wir zahlen.

An unserer Unterkunft kommt uns der Gastgeber mit unserer frischen Wäsche entgegen. Wir hängen sie auf. Danach bekommen wir sogar Tee, Kuchen und Zartbitter Schokolade gereicht. Wir genießen die Sonne auf der Terrasse am Hang mit Blick in die Berge. 

Später entscheiden wir uns erneut zwei Straßen weiter zu gehen und einen tinto verano zu trinken. Die Frau ist mit ihrem Freund scheinbar wie angekündigt weiter gefahren – wie schade, wäre sicherlich unterhaltsam gewesen.