Wir haben frisch gewaschene Wäsche, sind gut ausgeruht und voller Tatendrang heute zu unseren letzten 100 km aufzubrechen. Der Proviant ist aufgefüllt und macht unseren Rucksack jeweils noch mal um 1 bis 2 kg schwerer.
Gestern haben wir ein bisschen gespickt und wissen daher heute, dass unsere Etappe mit einigen bis vielen Stufen nach oben beginnen wird. Aber wir klagen nicht! Die Probe gestern ohne Gepäck verlief erstaunlich leicht. Soll unsere Kondition inzwischen etwa ebenfalls in Sarria angekommen sein? Gut, die Unregelmäßigkeit der Treppe ist dann doch eher mit voller Montur nicht so angenehm.
Der heutige Abschnitt führt uns nach Portomarin. Eigentlich müsste es Nuevo Portomarin heißen, weil der Ort wegen des Baus eines Staudamms auf 400 Höhenmeter verlegt wurde. Ich freue mich auf die Strecke, verspricht sie doch wieder herrliche Ausblicke. Bevor wir Sarria verlassen noch mal einen Blick über die Stadt:

Sarria am 21. April um kurz nach halb Acht
Unser Weg führt uns heute auch an einem der Friedhöfe von Sarria vorbei. Nun kann ich eigentlich ganz gut ohne Fotos von Friedhöfen leben, aber dieser liegt so unmittelbar am Weg, dass ich mich zu einem Foto hinreisse:

Friedhof Sarria – alter Teil

Friedhof Sarria – neuer Teil
Okay es waren zwei Bilder. Wenig später wird es wieder landschaftlich schön und von der Strecke her sehr interessant. Wir werden über eine kleine römische Brücke aus der Stadt geführt und an diversen Feldern vorbei, unter eine Autobahnbrücke bis zu einer Weggabelung. Hier kommt eine weitere Wegalternative des Camino Frances. Wir entscheiden uns nicht für die längere Strecke und nehmen den klassischen Weg.

Wir verlassen Sarria über eine alte römische Brücke

Sarria Autobahnbrücke
Die Autobahnbrücke sollen wir später sogar noch häufiger sehen. Wir gehen irgendwann später auch unter sie hindurch.

Sarria – Weghinweis 113 km
Bevor wir Sarria endgültig verlassen sehen wir nochmal einen Hinweis mit einer Kilometerangabe. Es sind also noch ein paar Kilometer mehr als nur noch die 100 km.
Die Wegalternative würde uns 600m steil Bergauf führen. Wir ziehen den Weg diesseits der Bahngleise vor.

Wegalternative nach Barbadelo
Wir unterqueren die Autobahnbrücke und wenig später überqueren wir dann doch die Bahngleise an anderer Stelle. Auch die so lächelnd ausgelassene Wegalternative nach Barbadelo über den Anstieg holt uns jetzt wieder ein. Vor uns liegt ein sportlicher Anstieg durch ein Waldstück. Wir machen mehrfach Pause und fragen uns wo unsere Kondition bleibt. Vermutlich waren wir einfach zu schnell 🙂

Sarria – Autobahnquerung

Aufstieg durch alten Waldbestand
Während dieses erneuten und sehr steilen Aufstiegs gehen mir seltsame Dinge durch den Kopf – ich versuche mir beruhigende Antworten zu geben und gehe weiter. Irgendwann sind wir dann auch endlich „oben“, werfen einen Blick zurück und sehen – tada: die Autobahnbrücke unter der wir vorhin standen.

Autobahnbrücke von oben
Die Aussicht nach Anstiegen ist immer wieder überwältigend schön. Ich knips schnell ein paar Fotos bevor wir unseren ersten Stempel des Tages für unser Credential holen. Ab heute benötigen wir täglich mindestens zwei davon, damit in Santiago auch ersichtlich ist, dass wir die letzten 100 km auch wirklich zu Fuß gegangen sind.

Aussicht um halb Neun

Typische Bauwerke in dieser Region: Hórreos
Vor uns liegt ein wirklich gemütlicher Abschnitt und später treffen wir jemanden zum Mittag wieder, der uns jetzt schon beobachtet hat. 🙂

Natürliche Hindernisse

Natur

Typische Landschaft in Galizien
Nach ungefähr 13 km machen wir eine Pause mit Sitzen und Getränken. Nebenbei bekommen wir den zweiten Stempel des Tages 🙂

Pause
Wie weit es noch bis Portomarin ist wissen wir garnicht und wir denken darüber nicht im geringsten nach. Wir genießen diese Etappe und sind im jetzt.
Als uns der Hunger umtreibt sind wir gerade durch Zufall an einem Pilgergasthof, der sich wenig später als Geheimtip herausstellt. Wir essen also. Was wir bekommen haut uns fast vom Stuhl. Nicht nur, dass das Ambiente super ist auch die Speisen sind ausserordentlich und heben sich von dem des üblichen Standardbrei deutlich ab. Hier treffen wir auch einen Pilger wieder, der uns viele Dörfer zuvor schon beobachtete. Wir haben ein nettes Pläuschchen und eine wirklich angenehme Mittagspause hier.
- Der Weg durch Dörfer
- Der Weg durch Dörfer
- Brockenhexe?
- Natur und Tiere
- Von der andere Seite des Zauns sieht es wohl ähnlich aus 🙂
- Von der andere Seite des Zauns sieht es wohl ähnlich aus 🙂
- Mittagspause
- Mittagspause
- Mittagspause
- Beste Bocadillo und dazu ein handgemachter Milchshake mit Blaubeere
Nachdem wir uns gestärkt und ausgeruht wieder auf den Weg machen, stellen wir fest, dass Portomarin nur noch einen Katzensprung weit weg liegt. Es ist jetzt Zehn vor Zwei und haben vielleicht nur noch eine Stunde Weg vor uns. An sich ist das wirklich gut, so kommen wir wenigstens nicht in die unerträgliche Hitze.

Nach dem Mittag: Protomarin ist nicht mehr weit
Auf dem Weg kommen wir an einer Schautafel vorbei, die in internationalen Sprachen und Farben Wege aufzeigt, wie man nach Portomarin gelangen kann. So gibt es ganz deutlich einen Weg für Rad- und Pferdepilger und jene wie wir. Für uns gibt es wiederum zwei Alternativen. Eine leichte und eine schwere. Wir sind gut gestärkt vom leckeren Mittag und entscheiden uns für die interessante Variante.
Der Weg führt uns durch einen schmalen und sehr steilen Pfad – vielleicht gerade mal 1,5 m breit. Ein wirklich spannender Abschnitt der Strecke. Wir sind begeistert, welche Überraschung der Camino für uns immer noch im Köcher hat, sehr wohl wir schon so viele Kilometer hinter uns gelassen haben.
- Steiler Pfad nach Portomarin
- Steiler Pfad nach Portomarin
Wir erreichen Portomarin. In der Wehrkirche besorgen wir uns den dritten Stempel des Tages. Die Kirche wurde übrigens ebenfalls hier oben wieder neu aufgebaut. An der ein oder anderen Stelle kann man sogar noch die Kennzeichnung erkennen, mit der die Kirche beim Zerlegen versehen wurde um sie wieder richtig aufbauen zu können.

Portomarin
- Portomarin
- Portomarin
- Portomarin
- Portomarin – Wehrkirche
Unser Quartier ist traumhaft. Wir gönnen uns ein 4-Sterne-Hotel mit traumhaften Ausblick.

Ausblick vom Hotel
Wir lernen am Abend eine Gruppe aus England kennen. Ihnen werden wir auf dem Weg noch häufiger begegnen. Die eine Frau der Gruppe gesteht, dass sie eigentlich keinen richtigen Pilger sind. Sie würden ihr Gepäck mit einem Serviceshuttle von Station zu Station fahren lassen. Begonnen haben sie in Sarria. Ihr ist es sichtlich unangenehm, als wir erklären, dass wir vor nun über 700km im französischen Teil der Pyrenäen begonnen haben und seither unser Gepäck selbst tragen.
Zufrieden genießen wir die Aussicht und unseren Tinto Verano…
Randnotiz: Erstaunlich, dass wir scheinbar garnicht mehr über das Gehen an sich nachdenken – wir tun es einfach. Der Körper läuft und wir sind mal ganz entspannt dabei 🙂















